Ländliche Regionen:

bisherige Entwicklungen und neue Herausforderungen

 

DI. Dr. Michael Reinprecht, MBA

Dezember 2002

 

A. Einleitung

China ist traditionell ein landwirtschaftliches Land, d.h. die überwiegende Mehrheit der Menschen lebte und lebt auf dem Land (derzeit 870 Mio.). Das Einkommen der ländlichen Bevölkerung kam und kommt vorwiegend aus der Landwirtschaft, .... jedoch zunehmend auch durch andere einkommensschaffende Tätigkeiten. Heute arbeiten noch 49% der Bevölkerung von der Landwirtschaft, obwohl die Landwirtschaft nur mehr 16% des BIP beiträgt. 70% der Arbeitplätze Chinas sind in den ländlichen Regionen lokalisiert.

Aufgrund der schlechten Datenverfügbarkeit und der bewußten Fälschung von Daten (v.a. unter Mao) sind nur Schätzungen möglich: 1978 lebten ca. 680 Mio. Chinesen unter der Armutsgrenze (320 RMB Jahreseinkommen pro Kopf). Durch die Reformen Deng Xiaopings konnten innerhalb von nur 2 Jahrzehnten die Lebensverhältnisse maßgeblich verbessert werden: 1998 lebten nur noch 57 bzw. 114 Mio. Chinesen (7% bzw. 13%) mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze I (chinesische Definition) bzw. II (internationale Definition). Die Reformen unter Deng Xiaoping waren sehr wirksam.

 

 B. Geschichtliche Entwicklung

1921 - 1949 KPCh erkennt die Bauernfrage als wichtiges Thema in China (90% Bauern)

Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung: gerechte Landverteilung, Pachtsenkung, Enteignung der Großgrundbesitzer, günstige Landwirtschaftskredite, Partizipation der Bevölkerung an Lokalverwaltung. 1927 Mao Zedong Studie über die Bauernbewegung in Hunan,

Bürgerkrieg: Guomindang (GMD) besetzt Städte, Kommunisten die ländlichen Gebiete (Isolierung der GMD und Flucht nach Taiwan).

1949 - 1976 Mao Zedong Revolutionär, charismatischer Führer

Volkskommunen: Integration von politischen Machtapparat und wirtschaftlicher Produktion

basieren auf dem Kollektiveigentum der Produktionsbrigaden

Primat der Politik, zentrale Planwirtschaft lähmt die Eigeninitiative der Menschen

Wirtschaftschaos, Hungersnöte (Großer Sprung, 30 Mio. Tote), Engpässe bei Konsumartikel

200 Mio. Menschen unter dem Existenzminimum

1976 - 1978 Hua Guafeng Mao zu Hua: "Wenn du die Sache übernimmst , bin ich beruhigt"

ab 1978 Deng Xiaoping politische Mobilisierung UND Effizienz-Orientierung

Komplementarität von Politik und Wirtschaft, Vermarktwirtschaftlichung der Planwirtschaft

"Armut ist nicht Sozialismus", "Praxis als einzige Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit"

für schnelles Wirtschaftswachstum und viele Reformen, gegen "Reform in Vogelkäfig" Chen

 

Dez. 1978 Beschluß über Reform + Öffnung Modernisierung mit chin. Charakteristika

 

C. Politik

REFORM (Details siehe F. Anhang)

bulletakute Lebensmittel-Knappheit: 1978 gleich hoch wie 1952 (bei mehr Menschen)
bulletnachträgliche Sanktionierung von Tatsachen auf unterster Ebene, langjähriger Widerstand der Bauern gegen die. Kollektivierung,
bulletHaushalts-basierende, vertragsgebundene Verantwortlichkeits-System (Landwirtschaft.)
bulletZulassung von freien Märkten, Überschüsse verkaufen = Einkommen für Bauern
bulletVermarktwirtschaftlichung der Planwirtschaft, Ko-existenz, schrittweiser Übergang

 

ÖFFNUNG

bulletausländisches Kapital: JV 49%, zeitlich limitiert, keine Repatriierung der Gewinne
bulletausländischer Produkte: nur dann, wenn nicht im Inland produziert (keine Konkurrenz)

 

3 Phasen

1979-1984 Startphase

bullet25 Maßnahmen zur Beschleunigung der Entwicklung der Wirtschaft in ländlichen Regionen

1985-1991 Adjustierungsphase

bulletAbschaffung des staatlichen Quota-Systems
bulletZulassen eines zweigleisigen System für Getreide, Baumwolle, pflanzliche Öle
bulletReadjustierung der nationalen Wirtschaft, Kontrolle der Inflation, Umstrukturierung der Wirtschaft (Ent-staatlichen der Betriebe -> lokales Ownership)

1992-2002 Vertiefung der Reformen

bulletSchwerpunkt der Reformen auf Verbesserung der Makroökonomie
bulletpositive Reformen zugunsten der ländlichen Entwicklung (12 Maßnahmen, 1993)

 

Reform + Öffnung und die Auswirkungen

kontrollierte Modernisierung nach chinesischem Muster

Deng: "Zu Fuß die Furt aufspüren, wenn man einen Fluß überqueren will"

bullet

"Muster"-Dorf Xiaogang, Provinz Anhui, Jahreseinkommen 1978: 22 RMB, 18 Bauern schließen einen Vertrag ("Manifest der chin. Reform"): eigenverantwortliche Bebauung der Felder, Ablieferung der staatlichen Quoten und eigenständige Verwertung der Überschüsse -> Ertrag 6x erhöht im 1.Jahr,

bullet

landwirtschaftliche Produktion: Getreide 1978 340 Mio. t -> 1999 510 Mio. t

bullet

Haushalts-basierende, vertragsgebundene Verantwortlichkeits-System (Landwirtschaft.)

bullet

Kommunen 1980-1984 abgeschafft, aus 90.000 Kommunen werden 50.000 Gemeinden,

bullet

Produktionsbrigaden werden Dorfkomitees, Verteilung des Bodens an Familien

bullet

(Pacht bis zu 30 Jahren), Produktions-Quoten mit fixen Preisen für Ablieferung an Staat,

bullet

Überschüsse dürfen selbständig verwendet/verwertet werden.

bullet

Zulassung von freien Märkten, Überschüsse verkaufen = Einkommen für Bauern

bullet

Durchschnittliches Jahres-Einkommen der Bauern: 1978 133 RMB -> 1997 2090 RMB

bullet

Vermarktwirtschaftlichung der Planwirtschaft, Ko-existenz Staatliche - Private Betriebe

bulletEntwicklung und Förderung von Ländlichen Unternehmen (LU)

1978 1,5 Mio. Betriebe mit 28 Mio. Arbeitsplätzen

bullet1949-1978 Betriebe der Kommunen und Brigaden
bullet1979-1983 neues Gesetz erlaubt Unternehmen im kollektiven Eigentum, 3 Beschränkungen um Staatsbetriebe zu schützen
bullet1984-1988 Boom durch förderliche gesetzliche Rahmenbedingungen, Umbenennung auf: Township and Village Enterprises (TVE)
bullet1988 18 Mio. Betriebe mit 95 Mio. Arbeitsplätzen
bullet1989-1991 Stagnation durch politische Auseinandersetzungen, 8 % der Betriebe geschlossen, einige Mio. Arbeitsplätze verloren
bullet1992-1996 Deng Xiaoping Reise in den Süden, 14. Volkskongreß, 23 Mio. Betriebe mit 135 Mio. Arbeitsplätzen, hohe Wertschöpfung
bullet1997-2000 15. Volkskongreß: Privatisierung von kollektiven TVE, Asienkrise hemmt die Entwicklung der TVE

    Beitrag der TVE in der chinesischen Wirtschaft

bullet28% des BIP (2.070 Mrd. RMB),
bullet46% des Exports (695 Mrd. RMB)
bullet18% der gesamten Arbeitsplätze (127 Mio.von 705 Mio.)
bullet26% der Arbeitsplätze im ländlichen Raum(127 Mio. von 494)
bullet80% der Textilproduktion
bullet40% der Lebensmittelproduktion
bullet20% des Steueraufkommens

 

D. Aktuelle Herausforderungen in der ländlichen Entwicklung

Regionale Disparitäten (6 Gruppen)

bulletGroße Städte (Beijing, Tianjin, Shanghai)
bulletKüste (Hebei, Jiangsu, Fujian, Shandong, Guangdong, Hainan)
bulletN-O (Liaoning, Jilin, Heilongjiang)
bulletZentrum (Shanxi, Anhui, Jianxi, Henan, Hubei, Hunan)
bulletN-W (Innere Mongolei, Shaanxi, Gansu, Qinghai, Ningxia, Xinjiang, Tibet)
bulletS-W (Sichuan, Chongqing, Guizhou, Yunnan, Guangxi)
bulletBIP/Kopf von 2.500 RMB bis 31.000 RMB
bulletAuslandsinvestitionen von 5 Mio. US$ bis 11.600 Mio. US$
bulletJobs in Ländl. Untern. von 20.000 bis 12,8 Mio.
bulletJahreslohn von 6.000 RMB bis 17.000 RMB
bulletHuman Developm. Index von 2 bis 30
bulletAnalphabeten-Rate von 66% bis 6,4 %

Stadt - Land Disparitäten

bulletEinkommen 2,8 x höher in Städten
bulletKonsum 3,4 x höher in Städten
bulletSpareinlagen 11,4 x höher in Städten
bulletSozialsystem

Arbeit

bulletArbeitslosigkeit (offiziell und versteckte)
bulletMigration
bulletSozialsystem
bulletPensionsystem

Boden und Umwelt

bullet

22% der Weltbevölkerung lebt von 7% der nutzbaren Fläche der Welt

bullet

große Umweltprobleme und ökologische Altlasten

bullet

zuviele Menschen leben am Land und vom Land

bullet

die verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen zu klein

bullet

derzeit meist Subsistenz-Landwirtschaft und kaum Überschußproduktion

bullet

dadurch sind die Produktionskosten zu hoch (international nicht wettbewerbsfähig)

bullet

internationale Qualitätsanforderungen schwer erfüllbar

bullet

Organisation, Logisitik und Vermarktung aufwendig und sehr teuer

Lokalverwaltung

bullet

"Demokratisierung", freie Wahl der lokalen Politiker

bullet

in armen Provinzen fehlt Finanzierung für die lokale Administration

bullet

-> neue Steuern und Abgaben (z.T. illegal, große Belastung für Wirtschaft)

bullet

lokale "Privat-Polizeitruppen", Hausmacht für Lokalpolitiker

bullet

Aufleben von traditionellen Gesellschafts- und Machtstrukturen: Clans

WTO-Mitgliedschaft

Vorteile Chinas:

bullet

großer Binnenmarkt (1,3 Mrd. Konsumenten)

bullet

billige Standortfaktoren (Boden, Arbeitskraft)

bullet

großer Fleiß der Menschen

bullet

große Lernbereitschaft der Menschen

Branchen mit positiven Auswirkungen:

bullet

    Textilindustrie, Elektrogeräte, Elektronik, Telekommunikation

Branchen mit negativen Auswirkungen:

bullet

    Landwirtschaft, Papiererzeugung, Bergbau, Kfz-Produktion, Erdöl-Industrie

Problem der Landwirtschaft: Mechanisierung ist notwendig für Wettbewerbsfähigkeit, aber gefährlich weil wichtige Arbeitsplätze am Land wegrationalisiert werden.

 

 

E. Wichtige politische Maßnahmen für ländliche Regionen:

bulletInfrastruktur ausbauen (Straßen, Eisenbahn, Telekommunikation)
bulletÖffentliche Leistungen attraktiver machen (Bildung, Gesundheit, Kultur, etc.)
bulletDiversifizierung der Wirtschaft (Nischenpolitik, regionale USPs, Vernetzung)
bulletFörderung von Klein- und Mittel-Unternehmen (KMU) (Rahmenbedingungen, Business Inkubatoren, Cluster, Up-linking von KMU mit großen Betrieben, Zugang zu Krediten)
bulletFörderung von kleinen und mittleren Städten als "Growth points" für ländliche Entwicklung
bulletSpezielle Förderung von lokalen Initiativen
bulletFörderung von Stadt-Land Partnerschaften und Projekten

 

F. Anhang

1978-1999 Reformen im Detail

1. Politik für die institutionelle Reformen und für die Förderung der Produktion:

bulletHaushalts-Produktions-Verantwortlichkeitssystem
bulletVerlängerung der Landnutzungszeiten (Pacht zuerst 15 Jahre, dann 30 Jahre)
bulletAbschaffung der Systems der Volkskommunen (1982-1984)

4 Teile: Kommune, Brigaden, Produktionseinheit, Haushalte (seit 1958 bestehend)

bulletAufbau eines neuen Verwaltungssystems

5 Teile: Lokalregierung, Partei-Organisationen, staatliche Betriebe, wirtschaftliche Cooperativen und Haushalte; ländliche Haushalte ersetzen die Produktionseinheiten und sind die Hauptträger der Produktion

bulletEntwicklung einer ländlichen Wirtschaft (seit 1980)

früher waren Produktionsbetriebe bewußt im urbanen bzw. periurbanen Raum angesiedelt worden (Arbeitsplätze für städtische Bevölkerung),

bulletReform fördert nun die Ansiedlung von LU (Ländlichen Unternehmen) bzw. TVE (Township & Village Enterprises), dies sind meist verarbeitende Betriebe (landwirtschaftliche Produkte, Textil).

 

bulletVerantwortlichkeiten des Provinzgoverneurs (ab 1995)

"Reis-Sack": die Provinzregierung war verantwortlich für die Produktion von Nahrungsmittel durch adäquate Förderung der Landwirtschaft. Nachteilige Auswirkungen: "regionaler Protektionismus" statt Cooperation of staatlicher Ebene

bulletVerantwortlichkeiten des Lokalverwaltung (ab 1995)

"Gemüse-Korb": die lokale Regierung einer Stadt/Dorfes war verantwortlich für die Nahrungmittelversorgung der Einwohner (frische, nicht lagerfähige Lebensmittel: Fleisch, Fisch, Gemüse, Eier, Milchprodukte)

2. Politik bezüglich Inlandsmarkt und Preis

bulletfrüher war ein zentrales System zur Umverteilung der landwirtschaftlichen Produkte: Zentralstaat als Redistribuent = großer, ineffizienter Verwaltungsapparat, ab 1985: einige landwirtschaftliche Produkte, ausgenommen Getreide
bulletEntstehen eines zweigleisigen Preissystems: staatliche Fixpreise (niedrig), private Marktpreise (hoch), staatliche Produkte zuwenig für Deckung der Nachfrage
bulletÄnderung der Ein- und Verkaufspreise für Getreide und Ölsaaten, 4 Preiserhöhungen: 1961 25%, 1966 17%, 1979 20%, 1987 50% und 1992 50%, wegen Kompensation der Inflation, seit 1987 um die Kluft zwischen Marktpreisen und den staatlichen Fixpreise zu verringern
bulletAbschaffung des städtische Getreiderationierungs-System, großes Tabu-Thema, daher ab 1994 nur schrittweise Abschaffung der Coupons
bulletEinführung eines neuen staatlichen Einkaufssystem auf Vertragsbasis, dieses System ersetzt ab 1985 das alte, zwingende Quota-System, de facto aber wenig Verbesserungen zum alten System (Einkaufspreise unter Marktpreisen),
bulletadministrative Verlangsamung, daher wechseln viele Bauern zu Nicht-Getreide-Produkten, Reduktion der staatlichen Einkaufsmengen an Getreide: 1984 noch 74 Mio. Tonnen -> 1989 auf unter 50 Mio. Tonnen
bulletAbschaffung viele staatlich festgelegte Preise für Lebensmittel, ab 1985 Freigabe der Preise für Früchte, Gemüse, tierische Produkte -> Boom
bulletFörderung von Lagermöglichkeiten auf den landwirtschaftlichen Betrieben, Lebensmittelsicherheit für lokale Bevölkerung
bulletReform des Getreide-Vermarktungssystem, ab 1998 "4 Trennungen und 1 Verbesserung", Trennung Staat und Wirtschaft, Trennung von staatlichen und lokalen Getreidereserven, Trennung von staatlicher und lokaler Vermarktung, Trennung der alten von neuen Schulden, Verbesserung: der staatliche Einkaufspreis von Marktpreisen bestimmt; Ergebnis: staatliche Getreide-Vermarktungsunternehmen hoch verschuldet, Chaos

3. Außenhandels-Politik

bulletfrüher wegen Einnahme von harten Devisen völlig von staatlichen Handelsfirmen kontrolliert, 3 Produktklassen: Klasse 1 nur für staatliche Firmen zulässig, Klasse 2 auch von Handels im Eigentum der Provinz- und Lokalregierungen, Klasse 3 freier Handel von Firmen im Privateigentum
bulletschrittweise Reduzierung der Exportzuschüsse und Einfuhrzölle, ab 1992 starke Veränderungen wegen Verhandlungen mit WTO

4. Politik zur Förderung der landwirtschaftlicher Roh- und Hilfsstoffe

bulletChemische Düngemittel, staatliche Förderung der Düngemittel seit 1980
bulletWasser, Förderung von Bewässerungs- und Wasser-Management-Systemen seit 1978
bulletFuttermittel, große Förderung von Futtermittel-Erzeugung / Verarbeitungsbetrieben

5. Politik zur Förderung der Investitionen

bullettrotz großer Bemühungen der Reformer (Zuschüsse, Landwirtschaftsfonds, Landwirtschaftbank, etc.) sind staatliche und private Investitionen in Landwirtschaft rückläufig

 

G. Quellen

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(c) DDr. Michael Reinprecht